Selbstgebrautes
Beim surfen recherchieren im Internet bin ich neulich auf ein Wirtshaus gestossen, welches sich in dem Viertel meiner jugendlichen Sünden etabliert hat, und das mir so ganz den Eindruck macht, als sei es nach meinem Geschmack.
Die Kollegen vom Gerücht in Dresden Laubegast sind nämlich aus diversen Gründen dazu übergegangen, einer uralten deutschen Tradition zu fröhnen und ihr Bier selber zu brauen.
Als ich dann mal wieder den örtlichen Getränkemarkt konsultierte, wurde mir plötzlich gewahr, dass sich in dem quadratkilometergrossen Trinktempel, die Vielfalt der angebotenen Waren umgekehrt proportional zur Fläche verhält. Höchstens 10 verschiedene Biersorten (Weizen und dunkel mitgerechnet) zierten die Gänge – dafür unzählige Brausemixe und anderes komisches Zeug.
“Hier stirbt die Kultur” – dachte sich das Yoog und beschloss umgehend, die deutsche Bierlandschaft mit einer weiteren Plörre zu bereichern um so dem kulturellen Untergang vorzubeugen und den globularisierten Bierbonzen ein Schnippchen zu schlagen.
Phase 1:
Wie sich nach einigen Studien herausstellte ist Bier Brauen – im Gegensatz zum Bier trinken ein deutlich komplexeres Unterfangen. Grob gesagt gibt es wohl 3 grundlegende Schwierigkeitsstufen:
- Brauen mit Bierkits
- Extraktbrauen mit Hopfenkochen
- Maischen
Um die Braukunst quasi von der Pike auf zu lernen, plane ich den Beginn meiner Braukarriere zunächst mit dem Bierkitgemansche. Bevor wir uns aber mit der geplanten Ursuppe den Fußboden vollkleckern sind noch einige Vorbereitungen zu treffen…
Als erstes stellte sich mir die Frage, woraus wir denn die Ursuppe schlußendlich trinken wollen, wenn sie denn mal fertig ist. Die Lösung dieses Problems ist relativ simpel…

Wir bedienen uns hier einfach bei der Konkurrenz und trinken deren Flaschen leer. Der Einfachheit halber sucht man sich ein Produkt mit Bügelverschlüssen. Der Flaschenvorrat ist allerdings etwas unterdimensioniert, weil ich für den ersten Versuch eigentlich einen Ausstoß von etwa 20 Litern anpeile – also muss ich notgedrungen noch ne Kiste leer trinken…
Direkt nach der Verarbeitung zu Leergut habe ich die Flaschen in die Spüle geschmissen, damit die Hefereste ausgespült werden – denn Reinheit ist das oberste Gebot des Braulehrlings. Nebenbei lösen sich auch die nicht sonderlich ästhetischen Etiketten und machen den Platz für spätere Eigenkreationen frei.

umgekehrt aufgestellt trocknen die Fläschchen gut ab und werden hinterher zugeploppt, damit keine Viecher auf die Idee kommen, in unser kostbares Leergut einzuziehen…
OK – Leergutproblematik faktisch gelöst. Als nächstes brauch ich einen Gärbehälter – den hab ich in der 25l Variante aus’m Baumarkt – komplett mit Deckel und Ablasshahn. Kostenpunkt: 14,95€

Bei der Wahl der Behälter sind sich wohl alle angehenden Braukünstler einig – die Dinger müssen lebensmittelecht sein. Erkennen kann man das an einer Prägung mit Messer und Gabel irgendwo auf dem Eimer. Ich musste ganz schön lange suchen, die Augen werden halt nicht besser. Dennoch stinkt der nagelneue Braukübel bestialisch nach allem ungesunden Segnungen der modernen Plasteindustrie uns deswegen stelle ich das Ding erstmal aufgeschraubt in die Gegend – soll er erstmal in Ruhe herumdünsten…
Nunmehr ist es an der Zeit eines dieser Bierkits und noch ein paar andere Kleinigkeiten zu bestellen. Und wenn der Kram dann mal da ist machen wir Kassensturz.
[...]
Bei der Bestellung hab ich mich prinzipiell auf’s Wesentliche konzentriert. Das war bei mir neben dem Bierkit ein Gärröhrchen, etwas Reinigungsgedöns und ein Nupsi, mit welchem das Flaschenabfüllen besser gehen soll…
Kostenpunkt der ganzen Aktion: 39,70 € incl. Versand – wobei hier das Bierkit mit 19,95 € den Hauptanteil ausmacht.

Hier mal ein Bildchen vom Kern der Bestellung. Aus den zwei Blechnäpfen sollen am Schluss etwa 22 Liter Altdeutsches Helles werden – da bin ich aber mal gespannt.
Wegen unserer Sommertournee musste ich das ganze Zeug dann aber erstmal im Keller einlagern – man kann eben die Hefe nicht betüddeln, wenn man auf der Ostsee herumdümpelt.
Gleich nach unserer Rückkehr wurde die Mixtur aber dann auch sogleich zusammengerührt und der Herr Nachwuchsbrauer musste sich dem Hohn und Spott von Nachbarn und Anverwandten aussetzen… “Lohnt ja gar nicht – Kiste Ötti kostet…”, ” wie daraus soll Bier werden *prust* ” etc. – Visionäre wurden eben von je her belächelt.
Beim Zusammenrühren – dem Brauset liegt eine Anleitung bei – sollte man ein bischen auf das Erhöhte Kleckerpotential bedacht sein, sonst gibts Ärger. Das Zeug in den Dosen (Bierkit und Malzextrakt) hat in etwa die Konsistenz von Rübenkraut und besitzt auch ein ähnliches Klebrigkeitsspektrum…

Das Ganze wird dann mit Hilfe von heissem Wasser in unser Fass transferiert umgerührt mit Wasser aufgefüllt und nach der Beigabe der Trockenhefe (liegt auch dem Bierkit bei) nochmal umgerührt.
Das ist dann der Punkt, wo sich der Braumeister erstmal zurücklehnen kann und über die Produkte anderer Braumeister “sinnieren” kann.

Das Gährröhrchen habe ich übrigens in ein fix gebohrtes Loch oben im Fassdeckel fixiert. Nach getaner Arbeit kommt das ganze erstmal in den Keller – in Feldversuchen hatte ich da eine ungefähre Durchschnittstemperatur von 19°C ermittelt – das ist perfekt für unser obergähriges Bier. Die Temperaturspanne, in der die Hefe gewillt ist, die Bierproduktion aufzunehmen, liegt laut Anleitung bei 18-22°C.
Das Fass mus nun ungefähr 6 Tage vor sich hinbrodeln.

Die etwas skeptischeren Gemüter seien hiermit beruhigt – es treten keinerlei Geruchsbelästigungen ala Komposthaufen etc. auf. Die Sache ist vollkommen harmlos.
Auf dem Bild im Hintergrund sehen wir auch schon die Ergebnisse der Leergutproduktion – dummerweise isses noch zu wenig, so dass das Yoog erstmal jeden der nicht bei drei auf’m Baum ist mit eine Halbliter-Bügelflasche ausrüstet – “TRINKEN JETZT”.
Wenn man nach einiger Zeit vor lauter Ungeduld mal in den Napf guckt sieht das Geblubber dann so aus wie auf dem nächsten Bild. Das beste ist aber, dass aus dem eher süssen Malzgeruch so langsam etwas bieriges herauszuschnuppern ist. sehr interessant das Ganze.

Die Spannung steigt und der Zeitpunkt des Abfüllens rückt näher…
[...]
Der grosse Abfülltag
Am 23. August 2009 ist es soweit – die erste Neuschnoogsche Abfüllung wird vorgenommen. Hierfür werden zunächst nochmal alle Flaschen mit heissem Wasser gespült – das Reinigungsmittel hab ich dann doch weggelassen, da standen einfach zu viel Warnungen auf’m Etikett – sowas kann nicht gut sein. Der Abfüllvorgang wurde dann wegen des Kleckerrisikos auf die Terrasse verlagert. eigentlich wollte ich ja jetzt den Schlauch mit dem Auslasshahn verbinden…

… allerdings hatte ich den Aulasshahn noch gar nicht eingeschraubt. Dafür hätte ich nun das ganze Fass kippen müssen und die Ablagerungen vom Boden nochmal schön durchgemischt – also lassen wir den Hahn weg.
Der Schlauch passt ja auch vorzüglich durch die Gummidichtung vom Gärröhrchen. Somit kann ich den also von oben bis kurz vorm Bodensatz Einführen und die alte Saugmethode benutzen. Das hat den Vorteil das nun wirklich kein “Prütt” mit in die Flaschen kommt (Der Auslasshahn ist nämlich ganz schön weit unten angebracht)

Hier mal ein Bildchen von der gesamten Abfüllmanufaktur…

Als wahrhaft praktisches Werkzeug hat sich das mitbestellte Abfüllröhrchen herausgestellt – mit dem Ding kann man sehr bequem und ohne viel Schaumbildung die Flaschen befüllen. Dem geneigten Nachwuchsbraumeister kann ich dieses Utensil also nur wärmstens ans Herz legen.

Klein und unscheinbar – das Abfüllröhrchen (hier mit etwas Klebeband an den Schlauch getüddelt.
Und im nächsten Bild nochmal die gesamte Spitzentechnologie samt Fachpersonal…

Am Ende des Arbeitsganges stehen nun 39 Flaschen (also knapp 20l) feinster Gerstensaft im Keller und blubbern ihrer maximalen Geschmacksexplosion entgegen.
Als Nächstes muss jetzt noch ein Etikett für den edlen Tropfen entworfen werden – das hat aber noch ca. 6 Wochen Zeit.
Hey warum war ich nicht mal zum probieren eingeladen.
Ich hoffe doch nach dem Flitschen gibts ne Kostprobe :)
Liebe Grüße
Micha
micha
September 1st, 2009 at 20:05permalink
Wir können ja gerne mal ne Flasche nach dem Flitschen anstechen (bin ja selber schon ganz hibbelig) – laut Bedienungsanleitung ist das Zeug aber erst kurz nach der Bundestagswahl gar.
Aber recht haste, man muss den Reifeprozess ja auch geschmacklich begleiten…
Yoog
September 1st, 2009 at 21:02permalink